Der große Schalter im leeren Raum

April 26th, 2008 | by Martin Hiegl |

Nicholas Carr, Technologie-Pessimist und -Kritiker (und Blogger), sieht, wie schon etliche andere vor ihm, das Ende der PCs nahe. Vor fünf Jahren meinte er, dass ITechnik Unternehmen keine strategischen Wettbewerbsvorteile mehr bringe, er stellte fest “IT Doesn’t Matter“. Auch wenn man seine Meinung nicht teilt, ist es in jedem Fall ein lesenswerter Artikel.

Als kleine Erklärung: üblicherweise spricht man bei der strategischen Ausrichtung der Unternehmens-ITechnik von vier Typen:

  • commodity
  • utility
  • partner
  • enabler

Für ihn gibt es nur noch die commodity, die anderen drei spielen bei ihm keine wirkliche Rolle mehr.

Schon ein Jahr später kam er mit der Idee, dass ITechnik im Unternehmen aussterben werde und ausschließlich von einem Dienstleister als eine Art Versorgung wie Wasser oder Strom geliefert werden würde. Die Resonanz darauf war gegenüber seinem früheren Artikel eher gering, vielleicht auch weil er im selben Jahr diesen mit “Does IT matter?” nochmal präzisierte.

In seinem neuen Buch “The Big Switch” hat er den Versorgungsgedanken nun nochmal aufgegriffen und weitergedacht. Bei netzwertig hat Steffan Heuer ihn dazu interviewt (Teil 1, Teil 2).

Die Entwicklung, die er in seiner Glaskugel sieht, ist nicht unmöglich, aber in meinen Augen unwahrscheinlich. Er mag ein guter Schreiber mit sehr viel Fantasie und reativen Ideen sein, aber mit den Märkten dieser Welt scheint er sich nicht besonders gut auszukennen. Er meint, dass er die Gegenwart beschreibt und nicht die Zukunft und sollte doch lieber Science Fiction Autor werden.

Es ist richtig, dass Cloud Computing (und auch die spezielle Form des Utility Computing) einen Trend darstellt und dennoch gibt es viele Aspekte, die einen Durchbruch wie Carr ihn beschreibt in große Ferne rücken lassen:

An erster Stelle steht für viele Firmen die Sicherheit. Automobilkonzerne wollen zum Beispiel 100%ige Sicherheit, dass ihre Technologien, ihr geistiges Eigentum geschützt bleibt und deshalb werden sie so wenig wie möglich aus der Hand geben. Das ist natürlich auch bei vielen anderen Unternehmen so, speziell wenn es um Berechnungen für neue Produkte geht wie zum Beispiel Simulationen. Dabei hilft auch, dass große Rechenleistung immer erschwinglicher wird, nicht nur absolut gesehen, sondern auch bei Leistung/Watt. Ein x86 Commodity Cluster kann sich inzwischen jedes größere Unternehmen hinstellen.

ITechnik lässt sich weder mit Strom noch mit Wasser vergleichen, auch wenn man sie für Commodity hält. Strom und Wasser enthalten keine Daten. Ob ich am gleichen Strom- oder Wassernetz wie mein Wettbewerber hänge, spielt für mich keine Rolle. Wenn meine Daten zufällig auf dem gleichen Server liegen, ist mein Unternehmen in Gefahr. Mir fällt kein passender Vergleich ein, was nicht zuletzt daran liegen mag, dass ITechnik an sich so speziell und bedeutsam ist.

Die Vorstellung, dass es sich finanziell lohnen könnte, trifft nur bei gewissen Unternehmensgrößen zu. Man darf nicht vergessen, dass in Deutschland immernoch über 90% der Unternehmen weniger als 10 Beschäftigte haben. Diese Unternehmen haben dann lieber einen ITechnik-Dienstleister aus der Nachbarschaft, auf den sie sich verlassen können. Zudem sind viele dieser Unternehmen noch gar nicht auf dem Status von commodity-ITechnik, wo Carr sie sieht. Ich geh sogar eher davon aus, dass Carr sie gar nicht sieht und seine Thesen eigentlich auf vielleicht 2-5% der Unternehmen stützt, wobei er genau das Gegenteil behauptet, wenn er sagt, dass die großen Konzerne sich nur langsam darauf einlassen werden und das SMB der Treiber dieser Revolution sein wird.

Computerspiele sind weiterhin einer der wichtigsten Fortschrittsfaktoren der ITechnik. Auch wenn Konsolen mit der neuen Generation den Markt etwas verändert haben, gibt es für viele Computerspieler keine Alternative zu ihrem Rechner Zuhause. Modelle wie Steam sind für die Verteilung eine Variante, aber spielen wollen die Nuzer immernoch am eigenen Rechner. Die Performance von Second Life zeigt, dass es anders auch nicht wirklich funktioniert.

Es lassen sich sicher noch einige weitere Argumente finden, aber ich stelle einfach meine Gedanken zur Entwicklung hier dagagen:

Carr seine Zukunft wird ihre Nische vor allem im Privatleben von äußerst internetbezogenen Menschen finden. Doch sobald es an Entwickler und ITechniker geht, wird dem das Bedürfnis nach der eigenen Infrastruktur entgegenstehen – auch wenn es etwas teurer sein mag.

Sehr große Unternehmen und auch öffentliche Einrichtungen wie Universitäten werden diesen Schritt in sich selbst vollziehen, aber weiter ihre eigene Insel im großen Cybermeer bleiben. Eine große Bedeutung wird der Sicherung dieser Inseln zukommen und zugleich dem Brückenbau zwischen den Inseln. Kleine Unternehmen bleiben entweder bei ihrer eigenen Ein-Server-Lösung, welche ihnen durch Virtualisierung und bedarfsmäßige Bereitstellung der Kapazität ausreichend Flexibilität bietet, oder werden sich auf kleinen Inseln zusammenschließen. Hier sehe ich einen neuen Markt für ITechnik-Anbieter, in welchen man auch die noch nicht ITechnisierten Unternehmen einbeziehen kann.

Zu den Inseln der Unternehmen. Es wird kein Revival der Thin Clients geben, ganz einfach, weil der Benutzer das nicht will und es für viele Anwendungen nicht möglich ist. Ich mag mein Lotus Notes 8 (mit verschönertem Workspace) würde es aber nicht als gestreamte Software nutzen wollen. Stattdessen wird die Datenhaltung zentralisiert und der nahtlose Übergang zwischen vielen unterschiedlichen Geräten perfektioniert werden – Stichwort “Brückenbau”. Das beschreibt tatsächlich die Gegenwart. Emails auf dem Thinkpad im Geschäft, auf dem Blackberry unterwegs, auf dem eee auf dem Sofa und auf dem iMac am Schreibtisch Zuhause. Die Erfahrung wird nicht auf allen Geräten die Selbe sein, sondern individuell an das System angepasst.

Hier ist ITechnik nicht commodity, sondern klarer enabler. Gerade darin, dass einige Firmen den Gedanken Carrs von der commodity ITechnik folgen, ermöglicht es anderen durch die Nutzung der ITechnik als Enabler strategische Wettbewerbsvorteile zu ziehen und dem Wettbewerb einen Schritt voraus zu sein.

Carrs großer Schalter ist wie gesagt kein reines Hirngespinst, sondern tatsächlich eine theoretische Möglichkeit. Allerdings hat er diesen Schalter im leere Raum positioniert, so dass beim Drücken ein leises *klick* zu vernehmen sein wird und … nichts passiert. 

Post a Comment